Die Frage, an der sich jedes Jahr spätestens im Herbst endlose Gespräche entflammen können; die Gretchenfrage geistert wieder durch Reitställe. Und wie sich da die Geister scheiden können! Früher galt es einmal als schick, sein Pferd rasiert durch den Winter hoppeln zu lassen, mittlerweile ist es eine Glaubensfrage geworden. Lassen wir Sportreiter, die da kompromisslos scheren und normal weiter trainieren im Winter einmal außen vor.

Dann bleiben noch die in ihrer Freizeit reitenden, mal mehr, mal weniger ambitionierten Reiter übrig. Steht das Pferd in einer Box, ist zumindest die Wahrscheinlichkeit größer, dass es eingedeckt wird. Wenn es sowieso eingedeckt wird, kann man doch eigentlich auch gleich scheren oder? Die Decke ist ja drauf und ob das plattgedrückte Winterfell jetzt nur sauber ist und trotzdem nach dem Reiten nachschwitzend triefnass wird und tausend Abschwitzdecken im Zehn-Minuten-Rhythmus gewechselt werden oder ob einfach geschoren wird, ist prinzipiell irgendwie belanglos. Denkt man so. Ist aber nicht so, meinen viele. “Der Bauch ist dann so nackt, da friert man ja selbst mit…” Klar, deswegen ist eine Decke drüber… “Meiner schwitzt sowieso nicht so viel!” Okay, dagegen kann man nichts sagen, wer nicht reiten will, der lässt es es bleiben.

Es gibt auch noch diejenigen, die nicht einmal eindecken. Da fassen wir doch einmal Offenstaller und Boxen-im-Kaltstall-Reiter zusammen. Deren Pferde entwickeln häufig ein rekordverdächtiges Mammut-Isländer-Winterfell. Das ist auch gut so, weil die Pferde es einfach brauchen in der kalten Jahreszeit. Es ist nur nicht so ganz kompatibel mit der Reiterei, wenn der Reiter nicht zu der “Nichtreiter-Sorte” gehört im Winter. Dann schwitzt das Pferd nämlich. Und es schwitzt nach. Und schwitzt nach. Und schwitzt immer noch. “Im Offenstall läuft der sich trocken, da frieren die nicht.” Gruselige Vorstellung, wer möchte schon mit klatschnassem Wintermantel raus in die Kälte geschickt werden?

Es gibt ja auch die verschiedenen Schermuster. Ganz (praktisch, gut), Deckenschnitt (Schnucki hat einen warmen Popo, zumindest oben auf der Kruppe), halb (wie eine freigeschorene Luftröhre und ein seitlich nackiger Bauch effektiv das Schwitzen eindämmen ist ein Rätsel) oder Ralleystreifen (meist genutzt, um dicke Ponys schneller aussehen zu lassen). Die Arten zu Scheren sind auch interessant. Der akribische Scherer steht stundenlang und rödelt im Anschluss noch jedes einzelne Haar, das nicht millimetergenau dieselbe Länge wie die anderen hat, mit der Nagelschere runter. Da wird auch eine Minischermaschine benutzt, um den Kopf akkurat zu scheren. Der flüchtige Scherer schneidet eine saubere Winterfrisur, die aber durchaus nicht so ganz streifenfrei ist. Und der Ökoscherer schert jede Woche den Ralleystreifen eine Bahn breiter, weil es irgendwie immer noch nicht den wirklichen Effekt bringt.

Und es gibt die Girlies. Girlies schnibbeln aufopfernd symbolträchtige Muster ins Winterfell oder lassen Fellmuster beim Scheren stehen. Besonders beliebt sind Playboyhasen (weder Pferd noch Reiterin werden jemals in diesem Magazin auftauchen, was will man den anderen also damit sagen???), Nike- und DeutscheBank Ikons (flotter Huf und finanzstarke Eltern? Oder ein Pferd, das horrende Tierarztkosten verursacht?) und Herzen, Sterne, Teufelchen…

Der Clou ist ja nur, dass irgendwie alle durch den Winter kommen und die meisten Pferde auch ohne eine, einer spezifischen Entscheidungsfindung auf die Eingangsfrage zuzuordnende Entscheidung der Eigentümer. Nur wenn der Pelz so weit fortgeschritten ist, dass das Fellviecherl sich erst in Bewegung setzen muss, damit man weiß, wo vorne und hinten ist, dann wird es kritisch.